Gottesdienst am 09.04.2006 in Ronsdorf (Goldkonfirmation)
Predigt zu Psalm 103:

"Lobe den HERRN, meine Seele! - Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat"

(in enger Anlehnung an I.Baldermann, Bibelarbeit zu Ps. 103, in Ich werde nicht sterben, sondern leben, 125ff)

Pfarrer Jochen Denker


Ihr Lieben,

Psalm 103 ist ein Gebet, das als ersten Adressat nicht Gott, sondern die eigene Seele hat. Aber: Wer ist das: Meine Seele?
Die Bibel denkt da weniger an etwas Unsterbliches in uns. Für sie ist die Seele der Sitz der Gefühle und Emotionen. Die Freude wohnt in ihr und die Lebenslust, aber ebenso die Angst und der Zweifel. Die Seele ist es, die den Menschen überhaupt erst ganz werden lässt. Körper, Seele und Geist gehören zusammen und sind zusammen der ganze Mensch.
Wir sind weit mehr als unser Körper, den wir tagtäglich erfahren, den wir auch gediegen zu pflegen verstehen. Wir tun ihm gut, geben ihm zu essen und zu trinken, waschen, schützen und schmücken ihn.
Wir wissen auch mit unserem Geist etwas anzufangen. Er bestimmt unser Denken, orientiert unser Handeln. Wir fordern ihn täglich heraus, lassen ihn analysieren und entscheiden, nutzen ihn, um Dinge zu durchdringen, Informationen zu sortieren und uns zurechtzufinden in einer sich ständig verändernden Welt.
Dann ist da aber auch noch die Seele. Denn vieles läuft nicht über unseren Kopf und betrifft auch nicht gleich unseren physischen Körper. Wir haben Emotionen. Helle und dunkle, gute und schlechte. Die Seele kann betrübt und unruhig sein, flattern wie ein Vogel im Käfig. Ich wohne mit ihr in einem Haus und kenne sie oft kaum. Ich nehme sie manchmal erst wahr, wenn sie krank wird und frage dann, was tut ihr gut, wie kann ich ihr, wie kann ich mir helfen oder helfen lassen.
Für die Bibel ist es die Seele als Sitz der Emotionen und Gefühle, die das Leben wirklich Leben sein lässt und nicht nur ein Dahinvegetieren. Da ist es gut, wenn wir mit unserer Seele reden, ihr zeigen, dass wir sie wahrnehmen.

Aber nun wird es wie bei jedem Gespräch darauf ankommen, den rechten Anfang zu finden, damit das Gespräch nicht gleich abbricht. Der Psalmist beginnt so:
"Lobe den HERRN, meine Seele! - Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat"
Ist das der rechte Anfang? Klingt das nicht vielleicht etwas schroff? Eine Aufforderung, ein Appell, fast schon ein Befehl: "Du bist es Gott schuldig - lobe ihn?" Wird die Seele darauf hören können?
Es ist sehr hilfreich hier genauer hinzuschauen, wie der Psalmist das Gespräch beginnt. Im Deutschen ist nicht mehr zu erkennen, welche Sorgfalt er walten lässt. Darum müssen wir einen kleinen Blick ins Hebräische werfen. Da gibt es etwas, was wir in unserer Sprache nicht nachahmen können. Das Hebräische kennt einen männlichen und einen weiblichen Imperativ. Der männliche ist barsch, schroff und gebietend. Der Befehl eines Generals zum Beispiel, der zur Schlacht ruft.
Der weibliche Imperativ hat einen ganz anderen Klang. Er ist werbend, fast schon zärtlich. Unterschieden sind die beiden Formen nur durch den kleinsten Buchstaben des Alephbet, das Jud, das kleine Häkchen, das berühmte Jota . Wie gut, dass uns schon Jesus gesagt hat: "Nehmt kein Jota weg" von Gottes Wort - es könnte etwas sehr Entscheidendes fehlen.

"Fang an, den HERRN zu loben", sagt der Psalmist zu seiner Seele, denn loben heißt Atem holen, die Blickrichtung ändern, nach dem Guten suchen und es aussprechen. Es erscheint da kein erhobener Zeigefinger, sondern ganz unaufdringlich erinnert der Psalmsänger seine Seele an Liebe und Güte, an Schönheit und Hilfe.
Es ist die Erinnerung an das "Dennoch" der Güte Gottes inmitten der Angst und Not, denn auch die sitzen eben in der Seele.
Es ist ja erstaunlich, wie schnell die Sterne aus den Augen kommen in den flimmernden Lichtern unserer Städte. Ich muss ja nicht alle Sterne sehen - aber ich darf doch ihr unaufdringliches Licht nicht vergessen bei all den aufdringlichen Leuchtreklamen.

So beginnt der Psalm das Gespräch mit der Seele - der Grundton soll aufrichten, einladen und froh machen.

Aber dann ist auch davon zu sprechen, was unsere Seele so belastet und vergesslich macht. Es ist nicht nur Undankbarkeit, die vergessen lässt - es ist die Angst und Not, die mit einer Wucht und einem Anspruch auf mich zukommen, als hätten sie das alleinige Sagen in unserem Leben.
Wie sehr bestimmt die Angst unser Leben - Angst etwas zu verlieren oder "irgendwann selber an der Reihe zu sein". Und die große Schwester der Angst, die Depression, kann uns noch mehr beherrschen. Sie kann einkerkern, und ihren dunklen Schleier über alles breiten, so dass man gar kein Licht mehr sehen und keine Luft holen kann. Dann sagt die Seele: "Ich kann nicht mehr. Ich ersticke. Ich werde unruhig wie ein Vogel im Käfig, flattere hier hin und dorthin, weil mir alles zu eng wird." - Und was haben wir ihr entgegenzuhalten, wenn sie auf Schmerzen verweist, auf Enttäuschungen, auf Krankheiten oder Einsamkeit?

Da muss das Loben schon gelernt sein. Eine Sprache dafür muss uns geschenkt werden. Und ganz behutsam fängt der Psalm damit an. Er zeigt auf ganz Alltägliches.
"Erinnere dich", sagt er: "Du warst krank. Die Erfahrung kennst du. Aber da ist nicht nur die Erfahrung von Krankheit, sondern auch die, das du gesundet bist. Nicht jede Krankheit ist eine Krankheit zum Tode. Lob den HERRN, auch dafür, dass du nach einem lästigen und aufdringlichen Schnupfen wieder durchatmen kannst, dass dein Körper Heilungskräfte hat und Hilfe annehmen kann. Da ist nicht nur Einsamkeit, da gibt es auch Begegnung. Es gibt nicht nur Scheitern und Versagen, sondern da ist auch Gelingen und die Erfahrung angenommen zu werden in dem, was du bist und tust."

Ihr Lieben, was wiegt schwerer?
Wenn ich meine Waage aufstelle, sinkt sie oft auf der Seite der Angst, der Müdigkeit und der Verletzungen, weil diese Erfahrungen schwer wiegen und schwer zu vergessen sind.
Was hat der Psalm in die Waagschale zu werfen?
Nichts - als sehen und wahrnehmen lernen. Oder besser: Alles - denn darauf kommt es an. Sehen und wahrnehmen lernen, wo Gott uns begegnet.
Gott ist nicht nur mein Schöpfer. Er ist auch der, der mir Momente der Entlastung schenkt, die Erfahrung, dass Fehler verziehen werden. Er schenkt mir ein Lied auf meine Lippen und den Schlaf, der mich für Momente frei sein lässt. Dass ich immer wieder die Möglichkeit habe, neu anzufangen - das alles sind Zeichen und Wirkungen der Nähe und Güte Gottes. Was Gott mir in meinem Leben schenkt, scheint dem Psalm sogar wichtiger noch zu sein, als dass er mir das Leben geschenkt hat.
Was wiegt schwerer? Die Angst und die Resignation oder die Zeichen der Hoffnung und Erfahrungen des Guten?
Es wird daran hängen, ob wir Gottes Güte wahrnehmen lernen und ob sie in uns Vertrauen, Glauben weckt. Glaube beginnt mit diesem Wahrnehmen:
Ich lerne, mich nicht mehr wahrzunehmen als trübseliges Exemplar der Gattung Mensch, geschlagener als manch anderer, dem es doch soviel besser geht.
Ich nehme mich wahr als ein Mensch Gottes, gewürdigt, sein Ebenbild zu heißen, umgeben von Zuneigung. Es gibt da immer einen, dem ich wichtig bin - nicht nur Gott, sondern auch Menschen.
(Auch wenn die Frage ungewöhnlich scheint: Lass sie einmal zu: "Wer wird an deinem Grab weinen?" Ich vergesse nie, wie es bei der Beerdigung meines Vaters war. Da habe ich Menschen weinen sehen, von denen ich es niemals gedacht hätte und gespürt, wie wertvoll das Leben meines Vaters für sie war.)

Ihr Lieben, die Güte Gottes wahrzunehmen - kann mein Leben schon jetzt verwandeln, wenn ich dadurch Vertrauen und das Loben lerne. "Mein Mund kann fröhlich werden und ich wieder jung wie ein Adler".
Luther hat da mit dem "Adler" sehr bildhaft übersetzt und auch verdunkelt, was der Psalm wirklich sagt. Im Hebräischen zielt der Satz sehr bewusst auf das Alter. Buber übersetzt: "Er sättigt mit Gutem deine Reife,".

Vielleicht wünscht man sich in einer sentimentalen Stunde, was ein alter Schlager besingt (Mein Opa hatte so ne olle Weinflasche mit Spieluhr drin, die ich als Kind gerne aufgezogen habe. Da sang einer): "Ich möchte noch mal 20 sein und so verliebt wie damals...." Aber es ist dann doch gut, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung geht. Denn das Leben hat seinen Reiz und seine besondere Würde in seiner Einmaligkeit. Wir werden nicht wieder jung - aber unser Alter kann auch haben, was der Reiz der Jugend war: Den Zauber des Anfangs, die Neugier, die Liebe, die Überraschung. Auch unsere Reife kann gesättigt sein mit Gutem.
Der Psalm besingt die Unerschöpflichkeit des Lebens von seiner ersten bis zu seiner letzten Stunde. Wie ein Regenbogen spannt sich die Verheißung über meine Seele: Dass auch für sie nicht aufhören soll Abend und Morgen, einatmen und ausatmen, säen und ernten, Liebe und Friede.

Und dann weitet sich der Psalm. Bisher sprach er in der Einzahl. Nun von den Vielen. Sprach er zuerst von der Erfahrung der Seele, von der Erfahrung des Einzelnen so jetzt von der Erfahrung Gottes in der Gemeinschaft. Und da ist es charakteristisch, womit er beginnt:
Mit dem Thema der Gerechtigkeit. Das ist das Erste, was laut wird, wenn wir in gesellschaftlichem Kontext von Gott reden und nach Gott suchen: Sein Einsatz für die Gerechtigkeit und für die, die Unrecht leiden.
Gerechtigkeit heißt für die Bibel: "Jeder hat, was er zum Leben braucht". Es ist ein Grundrecht. Bei uns hat "Gerechtigkeit" ein anderes Schwesterchen bekommen: Die Leistung. Gerechtigkeit ist kein Grundrecht mehr, sondern wird konditioniert. Ich finde es gerecht, wenn ich bekomme, was ich verdiene. Gerechtigkeit ist zu einer Gegenleistung geworden. Dass es Grundrechte gibt, ohne Gegenleistung, Menschenrechte, darauf verweist uns Gottes Wort.

Gottes Güte spiegelt sich in seinem Gebot! Schafft Recht und Gerechtigkeit! Ergreift Partei!!! Denn Gott "hat seine Wege Mose wissen lassen und die Kinder Israel sein Tun". Wir haben die Bibel. In ihr leuchtet in unserer Welt die Vision von einer neuen Welt auf, einer Welt der Gerechtigkeit und des Rechtes an der Gott schon heute arbeitet und uns zu seinen Mitarbeitern machen will.
Aber dann stocke ich: Denn ich selber bin ja Teil der Ungerechtigkeit - manches kann ich tun. Ich kann mich entscheiden, wohin ich mein Geld bringe, wie ich es anlege, wie ich mich beim Einkaufen verhalte. Ich kann Petitionen unterstützen und symbolische Aktionen mitmachen oder initiieren. Und trotzdem. Ich kann mich selber nicht aus den Verstrickungen lösen. - Das ist die Erfahrung des Gesetzes, unter dem wir leben. Es hält mich fest und ich werde, ob ich will oder nicht, schuldig, mitschuldig. Schuld bleibt es. Aber nun keine, die uns handlungsunfähig machen soll. Gottes Zorn über das Unrecht bleibt, aber das ist nicht sein letztes Wort.
Der Psalm sagt: "Gott bindet mich los". Er will mit mir den Weg der Gerechtigkeit gehen. Darum lässt er meine Schuld fern von mir sein. Sie soll mich nicht bestimmen, sondern ich soll sie erkennen, um umkehren zu können.
Gott behaftet uns nicht für immer bei den Folgen unseres Tuns - das wäre sein Zorn. Würde er die Folgen unseres Tuns im Kleinen wie im Großen stets auf uns zurückfallen lassen - wir wäre schon lange nicht mehr. Es ist seine Gnade, die er uns schenkt, wenn wir noch immer leben dürfen - leben, um seine Gebote mit unserem Leben zu füllen und unser Leben an seinen Geboten auszurichten.

Aber warum hält Gott inne und ist gnädig? Warum erbarmt er sich über uns wie ein Vater über seine Kinder? Es ist sonderbar - offensichtlich, weil er unser krummes und schräges Leben hier so liebt. Denn es ist ein einmaliges Leben. Es kommt und geht, aber in seiner Einmaligkeit ist es ein von Gott geliebtes Leben.
Man hat oft sagt, Religion sei dafür da, mit dem Tod zurecht zu kommen. Unser Psalm sagt: Gott ist da, damit wir unser Leben hier leben können. Dieses vergängliches, verletzliche Leben zwischen Wiege und Bahre interessiert ihn und das will er zur Fülle und zum Gelingen bringen.

Ihr Lieben, nur wer den Erdgeruch der Bibel, besonders des Alten Testamentes, wahrnimmt, der kann auch die himmlischen Düfte des ewigen Lebens riechen. Ohne den Erdgeruch werden diese Düfte halluzinierend wirken. Das hat Bonhoeffer seiner Kirche ins Stammbuch geschrieben. Gerade die Hoffnung auf das ewige Leben verweist uns an dieses Leben, denn nirgendwo sonst wird sie geweckt, soll sie gelebt werden und Raum greifen.

Zum Schluss öffnet der Psalm dann den Blick auf die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung, die Engel und alle geschaffene Kreatur. Sie werden dazu eingeladen, Gott zu loben, genauer müssten wir sagen: ihn zu segnen, denn dieses Wort steht da.
Segnen heißt: sich öffnen, Liebe und Güte ausströmen, sich dem anderen zuwenden und ihm gut tun. Was wir täglich an Segen erfahren, sagt Ernesto Cardinal, ist ein Gruß der Liebe Gottes. Und diese Liebe und Güte sind keine Einbahnstraße, auch nicht in unserem Verhältnis zu Gott. Auch Gott freut sich, wenn er gelobt wird und es tut ihm gut, wenn wir ihn segnen, uns ihm öffnen und zuwenden.
Himmel und Erde, alles Geschaffene darf das tun und darum: "Tu auch du es, meine Seele, weil er dir viel Gutes getan hat. Öffne dich deinem Gott, wende dich ihm zu, denn er hat dir viel Gutes getan."
Amen.

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